unser Leitbild


Diakonisch-theologische Grundgedanken für die „Ambulante diakonische Suchthilfe“

Im Zusammenhang zwischen kirchlichem Auftrag, Freier Wohlfahrtspflege und staatlicher Gesetzgebung gestalten wir unsere Arbeit für gefährdete und abhängige Menschen und Angehörige. Wir sind ein Dienst der Evangelischen Kirchen in Kurhessen-Waldeck und in Hessen und Nassau und als Arbeitsbereich der Diakonischen Werke Teil der Freien Wohlfahrtspflege. Über die Diakonie ist die Kirche in der offenen Gesellschaft gegenwärtig und verlässlich ansprechbar. Die Freie Wohlfahrtspflege ihrerseits ist in ihrer Selbstverwaltung und -gestaltung Ausdruck der sozialen Demokratie. Gesellschaft und Staat anerkennen die Wertorientierung sowie die Zuwendungsbereitschaft und Verpflichtung ihrer Bürger.

Die Mitarbeiterschaft der diakonischen Suchthilfe bildet die geistige Vielgestalt unserer Gesellschaft ab. Die Beziehung zum Christentum wird oft durch die Kirche vermittelt, sie verbindet sich ebenso mit humanistischen und gesellschaftserneuernden Antrieben, eine Tatsache, die gerade den evangelischen Zuschnitt unserer Arbeit ausmacht. Die Verschiedenheit unserer Mitarbeiterschaft schätzen wir als Grundlage für das Verstehen der unterschiedlichen Lebenswelten der suchtkranken Menschen, denen wir verpflichtet sind.

Wenn sich auch die in der Gesellschaft anerkannten Wertvorstellungen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, in der sich die evangelische Suchthilfe als Arbeitsfeld der Inneren Mission entwickelte, verändert haben, so gelten die "evangelischen" Grundwerte:

  • Menschenwürde
  • Freiheit
  • Gemeinschaft

Diese Grundwerte sind nicht willkürlich gesetzt; sie folgen aus dem Bekenntnis zu dem Dreieinigen Gott, der den Menschen schafft, befreit und mit Geist begabt. In dieses Bekenntnis ist auch unser Helfen eingezeichnet. So wie wir uns selbst als gewürdigte, immer wieder zur Freiheit berufene und mit Geist begabte Menschen erfahren, so begegnen wir auch unseren Klientinnen.

I. Wir achten die Würde und Einmaligkeit des suchtkranken Menschen

Wir unterstützen Menschen bei der Wahrnehmung ihrer Rechte und Pflichten auf der Grundlage der Fachlichkeit, der Hilfe zur Selbsthilfe und der Solidarität. Wir beugen Missbrauch und Abhängigkeit vor.

Wir entwickeln auf den einzelnen Menschen bezogene Hilfeprogramme (unter fachlichen und rechtlichen Grundsätzen) und achten die Entscheidung der Betroffenen ebenso wie wir entmündigende und fremdbestimmte Konzepte ablehnen.

Wir unterstützen unsere Klientel bei der Verbesserung ihrer Lebenslage und zeigen neue Lebensweisen auf. Das schließt annehmende und begleitende Ansätze und Angebote der Betreuung ein.

 

II. Wir bieten Hilfe zur Freiheit

Sucht ist verlorene Freiheit, Gefangenschaft, Abhängigkeit. Der Mensch aber ist zur Freiheit berufen. Die neuzeitliche Leidenschaft für Freiheit und Selbstverantwortung des Menschen verpflichtet uns vom Evangelium her. Der Mensch soll frei werden von Zwängen, von selbst- oder fremdverschuldeten Verhältnissen. Auch der Mensch an der Grenze von Abhängigkeit und Hilflosigkeit ist zur Freiheit hin entworfen.

Die christliche Sicht des Menschen zeigt uns seine Wirklichkeit: seine Schuld, aber auch Vergebung, neues Leben, Auferstehung auch vom geistigen, seelischen und Beziehungs-Tod. Jeder Mensch ist als ein Ebenbild Gottes aller Liebe wert.

Das Verständnis des christlichen Grundsymbols, des Kreuzes, bedeutet für uns: Sich dem anderen Menschen, der uns braucht, hilfreich zuzuwenden, entspricht der uns von Gott zugemuteten Humanität. In der Beziehung zum Leiden des Anderen – und Sucht ist Leiden – wird neues Leben geschenkt. Eine Gesellschaft, die den bedürftigen und leidenden Menschen übergeht, verspielt auch ihre eigene Zukunft. In ihr können nicht die geistigen Bedingungen für Hilfsbereitschaft und Mitmenschlichkeit entstehen.

III. Wir bilden eine Gemeinschaft der Helfenden und Hilfebedürftigen

Wir übernehmen sozial- und gesundheitspolitische Verantwortung und weisen auf die Ursachen der Not hin. Wir schärfen den Blick für gesellschaftliche Rahmenbedingungen und das daraus folgende Konsumverhalten. Wir vertreten die Anliegen von gefährdeten und abhängigen Menschen sowie von Angehörigen in der Öffentlichkeit.

Die evangelische Suchthilfe bietet Räume, in denen Abhängigkeit bearbeitet, neue Wege erprobt und Schutz und Gemeinschaft erfahren werden können. Sie bietet Vertrauen an, das auch Rückschläge und gegenseitige Enttäuschung verkraftet. Sie berät Betroffene und ihre Angehörigen, damit sich gelingendes Leben entfalten und festigen kann. Sie bietet Unterstützung, Solidarität in Familie und Gemeinde. Wenn es nicht zu einem suchtfreien Leben kommt, so verweigern wir nicht fachliche Hilfe. Wir suchen dann nach gangbaren Wegen, um Ausgrenzung und Verelendung zu vermeiden.

Über unsere eigenen Hilfsangebote hinaus fördern wir die Hilfenetze des Gemeinwesens und regen diakonische Aktivitäten in Gemeinden und im Land an. Ambulante diakonische Suchthilfe sieht sich als Baustein für das Gesundheitssystem einer Region und leistet fachliche Versorgung für Betroffene und Angehörige.

IV. Unsere Qualität

Wir hören den zweifachen Klang des Begriffs "Güte": als Qualität im Sinne der Leistungen und als gelebte Güte der Nächstenliebe, als Haltung und menschliche Zuwendung.

Unsere Angebote sind allen Hilfesuchenden zugänglich. Wir stellen eine möglichst gute Erreichbarkeit unserer Angebote im Land sicher.

Die Zusammenarbeit der evangelischen Suchthilfe mit anderen Fachdiensten und Trägern sowie den in den Einrichtungen eingebundenen unterschiedlichen Berufsgruppen gewährleistet die am jeweiligen Bedarf ausgerichteten Hilfen.

V. Unsere Mitarbeiterschaft

Die Fachlichkeit sowie die berufliche Aus- und Fortbildung und die Einsatzbereitschaft unserer Mitarbeiterinnen sind die Grundlage einer erfolgreichen Arbeit. Die Zuständigkeiten sind in Stellenbeschreibungen geregelt.

Unsere Arbeit ist klar und überschaubar gegliedert und wird durch eine verlässliche und durchsichtige Kommunikation unterstützt.

Wir fördern und schätzen die Hilfe ehrenamtlicher Mitarbeiterinnen. Sie bringen ihr Berufswissen, ihre Lebenserfahrung, ihre menschliche Zuwendung in die Suchthilfe ein.

Zu guter Letzt: Alle unsere Mitarbeiterinnen wissen, dass das, was wir von uns aus für andere Menschen leisten können, nicht die Grenze der Hilfe und der Heilung bedeutet. Gottes Zuwendung zum Menschen überschreitet unsere Möglichkeiten. In diesem Wissen werden wir selbst getrost und frei.

(Auszug aus dem Rahmenhandbuch zur Qualitätsentwicklung der diakonischen Suchthilfe in den beiden Diakonischen Werken Kurhessen-Waldeck und Hessen-Nassau)